W; 17, Zukunftssuchend

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geschrieben von Minna Arendt

Ich sitze gerade an meinem Schreibtisch und mache das, was ich am besten kann. Es mag die älteren Leute überraschen, denn ich rede nicht vom sinnlosen Kurzvideo-Konsum, nein, auch wenn ich das zugegebenermaßen sehr fortgeschritten beherrsche. Was ich im Moment ausübe, ist weitaus anspruchsvoller und benötigt eine Menge Selbstbeherrschung bzw. Kontrolle. Auch wenn es im ersten Augenblick nicht gerade so klingt, benötigt das erfolgreiche Prokrastinieren viel Übung und Erfahrung bezüglich der vielen Möglichkeiten, die einem offenstehen, wenn man seine eigentliche Aufgabe gewissenhaft aufschiebt. Eigentlich sollte ich mich gerade tief mit der Bedeutung des Utilitarismus und Kants Ethikmodell sowie dessen Gemeinsamkeiten und Unterschieden beschäftigen. Das erscheint mir jedoch nicht allzu dringlich in Betracht zu ziehen, da ich die dazugehörige Klausur erst in zwei Tagen schreibe. Somit habe ich noch den gesamten morgigen Tag, um mich mit diesen prickelnden Themen auseinanderzusetzen.

Dementsprechend habe ich heute wieder einmal diese Superfähigkeit, das Prokrastinieren, weiter geschult/trainiert. Jeder, der nun sagt, Prokrastinieren sei doch bloß stumpfes Verweigern oder Aufschieben einer Sache, hat offensichtlich kein Wissen über die absolut tiefgreifende und anstrengende Arbeit, die wirklich dahintersteckt. Prokrastinieren ist das Aufschieben von etwas, das stimmt, aber es beinhaltet auch, dass man die gewonnene Zeit mit etwas fraglos Wichtigerem und Interessanterem füllt. Die richtigen Fülltätigkeiten zu finden, kann durchaus viele Male der Ausübung dieser Aufschieberei beanspruchen.

Bei mir fing es mit dem sinnlosen Gucken von Videos auf Social Media an, da merkte ich jedoch, dass dies nicht das Passende ist. Zwar schiebt man die eigentliche Sache erfolgreich auf, aber man hat danach immer noch ein schlechtes Gefühl, man habe die Zeit vergeudet. So probierte ich das nächst Logische aus: Backen. Mit Überraschung stellte ich fest, dass dies auch nicht so das Richtige war. Zwar hatte ich am Ende diese Sache aufgeschoben und diesmal auch einen leckeren Kuchen, aber so wirklich erfülltes Prokrastinieren entsprach dies immer noch nicht. Alle guten Dinge sind drei, heißt es ja immer, und so war es auch bei mir. Als Drittens stand für mich Aufräumen auf der Liste der Aufschiebeaktivitäten. Das ist nämlich auch ein Ereignis, was ich sonst erfolgreich aufschiebe, aber wenn ich mich mit Schule beschäftigen muss, ist das doch das kleinere Übel. So habe ich am Ende nicht nur erfolgreich meine Sache aufgeschoben, sondern auch noch ein aufgeräumtes Zimmer. Das wohl Beste daran ist, dass mein Zimmer so schnell wieder müllig wird, dass ich mir keine andere Tätigkeit als Aufschiebeaktivität suchen muss.

Zudem habe ich viel Zeit, über Gott und die Welt oder in meinem Fall über meine Zukunft und die diesbezügliche Unwissenheit nachzudenken. So kam es, dass ich bei meinem heutigen Aufschiebe-Aufräumen zu dem Gedanken kam, dass es doch toll wäre, wenn es so Partnerannoncen nur für Zukunftspläne gäbe. Das würde in meinem Kopf wie folgt funktionieren. Zuerst beschreibt man sich kurz:

W, 17, zukunftssuchend. Ich interagiere gerne mit Menschen, aber noch lieber mit Tieren. Ich bin gut im Prokrastinieren und Zu-viel-Nachdenken.

So oder so ähnlich halt. Und dann würde sich in meiner Vorstellung der passende Zukunftsplan bei einem melden, wenn er denkt: ach ja, wir könnten gut zusammenpassen.
Zugegeben ist das nicht realistisch, da ich noch nie einen Zukunftsplan getroffen habe und dementsprechend nicht weiß, ob er schreiben, geschweige denn lesen kann. Für mich ist er trotzdem eine stämmige und breite Person, die einem seine Hand in einer Phase der Ahnungslosigkeit reicht. Und so ist es in meinen Gedanken weiterhin erst einmal eine tröstende, schlaue und sehr sinnvolle Idee. Wer hätte denn nicht gerne so einen haltgebenden und erleichternden Zukunftsplan als Freund?

Ich denke bzw. weiß eigentlich sehr sicher, dass ich nicht alleine ahnungslos ängstlich in die Zukunft gucke und sehnsüchtig warte, bis mein Zukunftsplan an die Tür klopft und sagt: „Ich hab deine Anzeige gelesen, hier bin ich!“. Das wird leider nie passieren, dementsprechend muss ich selbst etwas für mein späteres Leben machen, und der nächste Schritt ist bei mir, die Schule mehr oder minder erfolgreich abzuschließen. Schade also, dass ich mich früher oder später doch mit Kant und seiner Auffassung von Ethik und all den anderen wichtigen Themen, die man sonst so in der Schule behandelt, auseinandersetzen muss.

Für heute bin ich also erst mal fertig, meine Spitzenfähigkeit auszuüben. Aber wer weiß, vielleicht komme ich meinem passenden Zukunftsplan bald einen Schritt näher. Was vergleichsweise sicher ist, ist die Tatsache, dass jeder neue Tag auch mit neuen Möglichkeiten und Ideen kommt. Also noch ein kleiner Hinweis von mir: Wenn man heute keine Ahnung vom späteren Leben hat, dann bestimmt an einem anderen Tag.

Katja Küntzel

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