We want moor Moor!

Geschrieben von Pavel Tzvetkov, Bjarne und Jannis Harloff. Dieser Beitrag enthält die Meinung der Autoren.

Die Auswirkungen des Klimawandels werden immer präsenter. Experten der Vereinten Nationen zufolge war 2023 das wärmste Jahr seit dem Beginn der Industrialisierung in Europa. Infolgedessen werden dringend Möglichkeiten gesucht die Emission von Treibhausgasen zu verringern. Dabei wird jedoch oft ein besonders wichtiger Faktor vergessen: Moore. Obwohl sie trockengelegt ganze 7,5 % der deutschen Gesamtemissionen und ein Drittel der Gesamtemissionen MV ausmachen, kennt kaum einer diese unscheinbaren ökologischen Wunder. Doch wie können wir durch den Schutz der Moore unseren vielfältigen Planeten retten und was sind Moore überhaupt?

Entstehung von Mooren und Bedeutung für das Klima

Moore sind eine ökologische Übergangszone von Wasser und Land, das heißt, sie sind keine Gewässer, aber trotzdem durchgehend feucht. Sie haben eine niedrige, aber sehr einzigartige Vegetation. Überwiegend wachsen in den Feuchtgebieten natürliche Moose, eine große Vielfalt an Gräsern und auch Sträucher. Es kann tatsächlich passieren, dass man in diesem Boden nahezu „versinkt“ und feststeckt.
Die meisten Moore bildeten sich vor etwa 12.000 Jahren nach der letzten Eiszeit, als die Gletscher schmolzen und das Wasser in wasserundurchlässige Senken gelang. Doch wie kam es damals zu dieser Moorbildung? Abgestorbene Pflanzenreste sammeln sich auf dem nassen Moorboden, können jedoch aufgrund des fehlenden Sauerstoffes nicht vollständig zersetzt werden. Der sich in der Pflanze befindliche Kohlenstoffdioxid (CO2) entweicht nicht und lagert sich daher ab. Diese Ansammlung nennt sich Torf. Es kann sehr gut Nährstoffe und Wasser speichern, was Torf zu einer besonders wertvollen Erde macht. Immer neue Schichten Torf lagern sich ab und es entstehen somit über viele Jahrzehnte hinweg Moore.
In ihrer natürlichen Form dienen sie folglich als Kohlenstoffsenke. Das bedeutet, sie entnehmen CO2 aus der Luft und speichern es in sich. Das tun sie deutlich effizienter als Wälder. Jedoch nur, solange sie nass sind. Wenn sie trockengelegt werden, können die Pflanzenreste zersetzt werden und setzten dabei das in ihnen gespeicherte Kohlenstoffdioxid frei. Wird ein Moor entwässert, damit ein Acker darauf entstehen kann, emittiert es jährlich 37 Tonnen COÄquivalente! In MV sind das ein ganzes Drittel der Gesamtemissionen des Landes und beinahe doppelt so viel wie die Emissionen des gesamten Verkehrssektors! Ermittelt wird die CO2-Abgabe durch eine sogenannte Hauben-Messung, dabei wird durch eine Haube eine bestimmte Moorfläche abgedeckt und der CO2-Gehalt darin gemessen. Moore sind außerdem besonders wichtig für den Wasserhaushalt in der Region. Sie schützen als Überlaufgebiete vor Überflutungen, was vor allem aufgrund der Folgen des Klimawandels in Zukunft wichtig wird
Trotzdem sind Moore in kaum einer bedeutenden Klimabilanz vorhanden. Warum ist das so? Um Klimabilanzen übersichtlicher zu gestalten, werden verschiedene Emissionen und Aufnahmen kategorisiert. Dabei werden die Emissionen der trockengelegten Moore mit dem Wald zusammengerechnet, welcher CO2 bindet. Dadurch übersehen sehr viele die Problematik, die von trockengelegten Mooren ausgeht.

Wiedervernässung

In den 1970er Jahren wurden eine Vielzahl der Moore denaturiert, also entwässert. Moore sah man damals als braches Ödland und als nicht modern an. Deshalb wurden massenweise, überwiegend per Hand, Entwässerungsgräben gegraben, um Platz für landwirtschaftlich nutzbare Flächen zu schaffen. Von den ursprünglich ca. 287.000 Hektar Moorfläche in MV, waren in den 1990er Jahren nur noch 5 % „nass“, also in ihrer ursprünglichen naturnahen Form, vorhanden. Bei nur ca. 40.000 Hektar wurden bis 2020 Maßnahmen zur Wiedervernässung durchgeführt. 

Es sollte nun jedem und jeder klar sein, dass Moore wiedervernässt werden müssen. Dies ist jedoch nicht so einfach, wie es klingt. Die Umsetzung der Renaturierung ist dabei noch verhältnismäßig einfach. In vielen Fällen reicht dafür der Rückbau der Entwässerungsgräben oder sogar schon die Abstellung des Abpumpwerkes. Nach dieser Wiedervernässung steigt die Emission von anderen Gasen wie Methan kurzfristig. Dies ist jedoch aufgrund der Senkung des CO2-Ausstoßes zu vernachlässigen. Nach 10 – 30 Jahren hören wiedervernässte Moore auf, CO2 auszustoßen. Dies hängt jedoch vom Grad und von der Art der Wiedervernässung ab. Schwieriger ist es die Erlaubnis zu bekommen Acker- oder Tierweideflächen wiederzuvernässen. Landwirte wollen selbstverständlich nicht die von ihnen bewirtschafteten Flächen weggeben, da sie somit auf den kompletten Umsatz dieser Fläche verzichten müssen. Die Moorflächen massenhaft von den Landwirten abzukaufen ist auch nicht möglich, da dies viel zu teuer wäre. Es wird daher eine Lösung benötigt, die den Schutz und die Nutzung der Moore in Einklang bringt. 

Paludikulturen zum Schutz der Moore

Eine zukunftstaugliche Möglichkeit sind sogenannte Paludikulturen. Paludikulturen sind grundlegend einfach zu erklären. Es werden Moore renaturiert und Moorpflanzen darauf angebaut, die später geerntet und verkauft werden. Landwirte können so auf wiedervernässten Mooren weiterhin Umsatz generieren. Neben Schilf können auf Mooren beispielsweise auch Rohrkolben und Seggen angebaut werden. Diese können geerntet und beispielsweise zu Dämmmaterial verarbeitet oder in Arzneimitteln und bei der Energiegewinnung verwendet werden. Schilf wird unter andrem auf Reetdächern verwendet, also genau die Schilfdächer, die ihr hier im Norden oft seht. Das erste Problem kommt jedoch schon beim Ernten auf. Landwirte benötigen Maschinen und Geräte, um die Pflanzen ernten zu können. Sie müssen unter anderem breiter sein, damit sich ihr Gewicht gleichmäßig auf die Mooroberfläche verteilen können und diese somit nicht schwerwiegend beschädigen. Solche Maschinen kann man nicht regulär beim örtlichen Händler kaufen. Dieser kann sie jedoch auch nicht anbieten, da er nicht genügend Abnehmer garantiert bekommt. Es handelt sich also um ein „Henne-Ei-Problem“.
Noch schwieriger, fast unmöglich, ist es die Produkte zu verkaufen, da es einfach an Betrieben und Projekten fehlt, die Paludikultur-Produkte verarbeiten oder nutzen. Die Landwirte in MV benötigen einen regionalen Abnehmer, welcher die Produkte beispielsweise zu Dämmplatten verarbeitet. Dies möchte jedoch niemand, da es bisher kein richtiges Angebot an Rohstoffen aus der Region gibt. Auch hier handelt es sich um ein „Henne-Ei-Problem“, die Rohstoffe werden nicht hergestellt, weil Abnehmer fehlen und die Abnehmer fehlen, weil keine Rohstoffe hergestellt werden.


Es wird demzufolge ein Anreiz aus der Politik benötigt. Diesen wird es auch geben, in Form von 4 Milliarden Euro für den natürlichen Klimaschutz durch das Aktionsprogramm „Natürlicher Klimaschutz“. Dieser war, aufgrund der Klage des Bundesverfassungsgerichtes, kurzfristig auf Eis gelegt. Durch die Einigung der Ampel-Regierung konnte das Aktionsprogramm in seinem Kern erhalten werden.
Jedoch reicht das nicht aus, Landwirte brauchen Sicherheit. Laut Thomas Beil, Mitglied der Agrarinitiative Greifswald, seien Flächenprämien nicht der richtige Anreiz für den Einstieg in die Paludikultur. Weiter erläutert Beil, dass Landwirte nicht langfristig von staatlichen Förderungen abhängig sein wollen. Des Weitern könne man nach der Wiedervernässung nicht mehr zur traditionellen Bewirtschaftung zurückkehren und der Wert des Landes sinkt. Folglich sei es notwendig, Landwirten einen dauerhaften Umsatz zusichern zu können. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, müsse eine Nachfrage für Paludikultur-Produkte geschaffen werden. Eine Möglichkeit sei es, bei Neu- und Umbaumaßnahmen öffentlicher Gebäude nur Dämmstoffe aus Paludikulturen zu verbauen, so lautet Herr Beils Wunsch. Dadurch würde künstlich eine Produktion dieser angeregt werden.

Photovoltaik-Anlagen und Moore

Heute schon bauen Landwirte Photovoltaik- (PV)-Anlagen auf ihre Felder, da sie durch diese mehr Geld verdienen als durch die traditionelle Bewirtschaftung. Wir haben uns folglich die Frage gestellt, ob PV-Anlagen auf Moore gestellt werden können und somit eine deutlich profitablere Alternative zu Paludikulturen darstellen.
Mit dieser Frage haben wir uns an das Moorzentrum Greifswald gewendet. Dort wurde uns klar, dass vieles noch erforscht werden muss. Unter anderem ist unklar, welche Auswirkungen PV-Anlagen auf die Moore haben, ob sie ihnen schaden, da die Pflanzen nicht genügend Licht bekommen oder ob die Moorpflanzen nicht sogar von den Schatten dieser profitieren. Weiter ist unklar, welche Art von PV-Anlagen zum Aufstellen auf Mooren geeignet wären.
Schauen wir uns als Erstes die Fundamentierung an. Auf trockenen Böden werden fast ausschließlich Zinklegierungen und Aluminium benutzt, um die PV-Anlagen in den Boden zu rammen. Aufgrund des hohen Wasserspiegels liegt die Vermutung nahe, dass die Böden schnell beschädigt werden. Zurzeit werden kleinere Materialtests durchgeführt, um schon einmal grobe Vermutungen aufstellen zu können. Dabei hat sich eine Epoxidharzbeschichtung als besonders schützend herausgestellt.
Des Weiteren entscheiden die Art der einzelnen Module, deren Ausrichtung und deren Abstand über die Effektivität. Beispielsweise werden keine Module aufgestellt, auf die nur von einer Seite aus Lichtstrahlen auftreffen können – wie es bei ‚Hauskraftwerken‘ üblich ist – da so auch die vom Boden abprallende Lichtstrahlen genutzt werden können. Die weiteren Faktoren können nur durch ausgiebige Forschung und Versuche ermittelt werden.
Das Greifswald Moorzentrum beginnt ab Anfang 2024 mit Versuchen, die die Treibhausgasemissionen zwischen trockengelegten Mooren und wiedervernässten Mooren mit PV-Anlagen vergleichen. Falls die Emissionen bedeutend gesenkt werden können, könnte man Landwirten erlauben, auf Ackerflächen PV-Anlangen aufzustellen, wenn sie dafür zulassen, dass das Moor, auf dem sie stehen, wiedervernässt wird. Trotzdem muss beachtet werden, dass keine PV-Anlagen in Naturschutzgebieten aufgestellt werden und sie die Biodiversität nicht anderweitig stark beeinträchtigen.  

Zusammenfassend soll gesagt sein, dass noch viel zu tun ist, aber wir nie die Hoffnung verlieren sollten. Unserer Meinung nach sind vor allem Photovoltaik-Anlagen die beste Möglichkeit Moore schnell, kurzfristig und vor allem sozial zu schützen. Für eine dauerhafte Lösung sind Paludikulturen die deutlich bessere Lösung. Früher oder später wird sich etwas ändern: „Entweder by design oder by purpose“, so Thomas Beil. Also setzt euch gerne dafür ein, dass eine umweltfreundliche und gemeinnützige Lösung erreicht wird, egal ob ihr euch in der Politik, der Wirtschaft, der Landwirtschaft oder einfach von Zuhause aus bemüht, jede Anstrengung zählt!

Ich möchte mich herzlich bei Carl Pump, Mitarbeiter des Greifswald Moor Centrum und bei Thomas Beil, aus der Greifswalder Agrarinitiative, für ihre wissensreiche Unterstützung bedanken. Auch danke ich Anna Kassautzki und ihren Mitarbeiter für die Möglichkeit die politische Seite der Moore kennenzulernen.

Greifswalder Moore

Das Ladebower Moor wirkt sehr unscheinbar, es ist leicht mit einer Wiese zu verwechseln. Man erkennt nur, dass es sich um ein Moor handelt, da der Boden sehr schlammig ist. Die „Wiesen bei Greifswald“ auf dem berühmten Bild von Caspar David Friedrich sind tatsächlich Moore bei Greifswald. Gegen Ende der letzten Eiszeit, im engen Zusammenspiel mit der Ryckniederung, entstand in dem Becken eines verlandeten Sees das Ladebower Moor. Damals wurde es durch den Ostwind, der das Regenwasser landeinwärts treibt, oft überflutet. Die perfekten Bedingungen für Moorpflanzen. Vor der künstlichen Vertiefung des Ryckes, um diesen für die Hanse schiffbar zu machen, bestand er aus vielen kleinen Rinnsalen und Bächen, die eine perfekte Umgebung für die heimischen Pflanzen boten. Auf dem Gebiet des Moores befinden sich die Hartmannschen Teiche, welche ehemalige Torfgruben sind. Leider konnten wir nicht zu den Teichen gelangen, da sich diese inmitten des Naturschutzgebietes befinden.
Im 19. Jahrhundert wurde dort in großem Stil Torf gestochen, um den Betrieb der Greifswalder Saline zur Gewinnung von Salz zu sichern. Später wurden sie auch für die Fischaufzucht benutzt, diese wurde um 1950 dort aufgegeben. Heute sind die Moore bei Greifswald während Trockenlegungsmaßnahmen in den 1960er Jahren größtenteils entwässert worden, um mehr Ackerland zu schaffen. Dadurch liegt die Fläche des Moores auch unter dem Wasserpegel des Ryckes.

Um mehr über die Greifswalder Moore zu erfahren, haben wir den Hörspaziergang, welcher in der Greifswald-App zu finden ist, gemacht und haben so alle Seiten der unscheinbaren Greifswalder Umgebung entdeckt. Bei unserem Spaziergang überquerten wir erst den Ryck, dann die Salzwiesen, um schlussendlich zum Moor zu gelangen. Obwohl es von weitem nicht so scheint, wurde der Boden im Laufe unseres Spazierganges immer nasser. Aufgrund der Jahreszeit, in der wir unseren Spaziergang vornahmen, konnten wir leider nicht viel von der diverseren Flora erkunden. Wegen des Naturschutzgebietes, welches die Hartmannschen Teiche schützt, durften wir diese leider nicht betreten. Letztendlich konnten wir Spuren eines Moorbewohners entdecken: Dem Biber! Hier ein paar Fotos:

Quellen:

  1. Interview mit Carl Pump, Greifswald Moor Centrum (Das vollständige Interview erscheint am 4. Januar)
  2. Fragen an Thomas Beil, Greifswalder Agrarinitiative
  3. Praktikum bei der Bundestagsabgeordneten Anna Kassautzki (Moorbeauftragte der SPD für MV)
  4. https://www.bmuv.de/download/nationale-moorschutzstrategie
  5. https://www.greifswaldmoor.de/files/dokumente/Infopapiere_Briefings/2019_Faktenpapier_MoorklimaschutzMV_Dez2019_fin_korr3.pdf
  6. https://www.tagesschau.de/wissen/klima/weltwetterorganisation-2023-100.html#:~:text=Das%20Jahr%202023%20wird%20nach,Jahr%20seit%20der%20Industrialisierung%20werden
  7. https://www.praxis-agrar.de/service/infografiken/warum-sind-moore-relevant-fuer-das-klima
  8. Grafiken erstellt mit Canva und Comic Panel mit Pixton
Pavel Tzvetkov

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