Adventsgeschichte, Kapitel 1

Schwarze Weihnachten
geschrieben vom Wahlpflichtkurs „Weltenschreiber“
Mit Illustrationen von Charlotte

Illustration von Charlotte

Katy

Die Schulklingel ertönte und die Schüler packten eilig ihre Sachen ein. Herr Schmidt, der Mathelehrer unserer Klasse, hatte Schwierigkeiten seine Stimme über den Lärm zu erheben. ,,Denkt an die Zettel für die Weihnachtsfeier! Morgen müssen alle abgegeben worden sein!“ Ich packte meine Schulsachen in den Rucksack und ging aus dem Klassenzimmer. 

Auf dem Flur empfing mich stickige Luft und rappel volle Treppenaufgänge. Angespannt schaute ich auf meine Armbanduhr: es war dreizehn Uhr fünfzehn. Ich schulterte meinen Rucksack und quetschte mich durch die Menschenmassen. 
Plötzlich rempelte mich jemand an und ich wurde unsanft gegen ein Mädchen gedrückt. ,,Hey, was soll das?“, fuhr ich den Typen an, der seine grüne Wollmütze tief ins Gesicht gezogen hatte. Er blickte mich verdutzt an, lächelte dann aber schief. ,,Tut mir leid, ich wollte dich nicht anrempeln. Es ist bloß so voll im Flur.“ Ich seufzte und zuckte mit den Mundwinkeln. ,,Ist schon gut.“

Langsam ging ich weiter zur Aula, diesmal ohne weitere Komplikationen.
,,Kat!“ Ich drehte mich um und sah Victor auf mich zukommen. ,,Hey Vic!“, sagte ich und umarmte ihn. ,,Bist du aufgeregt?“, fragte er und schaute mich aus seinen braunen Augen an. Ich schmunzelte, anscheinend hatte er sich heute doch für die Kontaktlinsen und nicht für die Brille entschieden. ,,Erinnere mich bloß nicht daran! Ich platze vor Nervosität.“ 
Heute war ein großer Tag für mich, denn um dreizehn Uhr dreißig würde der Schulleiter mit ein paar anderen Lehrern in der Aula unsere Vorschläge für ein Weihnachtsevent anhören und da ich ausgewählt wurde meine vorzustellen, musste ich wohl oder übel vor sämtlichen Lehrern sprechen. Doch wenn ich später Schulsprecherin werden wollte, war das die perfekte Übung meine Nervosität zu besiegen. ,,Du wirst das großartig machen, Kat. Vertrau mir.“ Victor lächelte mich aufmunternd an und zupfte seine goldene Kette zurecht. ,,Wir sehen uns dann später bei mir Zuhause!“, sagte er und verschwand im Getümmel.  
Ich drehte mich um und betrat die Aula. Erleichterung durchströmte mich, als ich Sophie, die Schulsprecherin, sah. Eilig ging ich zu ihr und stellte meinen Rucksack ab. 

,,Hey!“, begrüßte ich sie und sah mich im Saal um. ,,Ist Herr Dräger noch nicht da?“ Sophie blickte von ihrem Ordner auf und legte ihren Stift, mit dem sie sich Notizen gemacht hatte, beiseite. ,,Er sollte gleich mit den anderen Lehrern kommen. Jakob und Johanna sind auch gleich da.“ Ich nickte und setzte mich auf den Stuhl neben Sophie. Nervös kaute ich auf meiner Unterlippe herum und spielte mit meinem Schlüsselanhänger. Sophie schmunzelte und schaute mich belustigt an. ,,Ich war auch immer nervös, wenn ich etwas vorstellen musste. Doch irgendwann war die Nervosität weg und ich spürte nur noch das Verlangen etwas mit meinen Vorträgen zu bewirken.“, sagte sie und holte eine Packung Kekse hervor. Ich schaute sie dankbar an. Die Erkenntnis, dass Sophie früher auch immer nervös war, beruhigte mich.
,,Hallo allerseits!“ Johanna und Jakob kamen in den Saal, schoben zwei Stühle zu Sophie und mir und ließen sich schnaufend fallen. „Ich sag dir, Herr Kronberg hat Mal wieder ein bisschen übertrieben mit den Runden, die wir laufen mussten!“, sagte das Mädchen und warf mit einer Kopfbewegung ihre langen schwarzen Haare zurück. Ihr Bruder sah sie verächtlich an und musste sich ein Lachen verkneifen. ,,Nur weil ihr Damen nicht hinterherkommt, ist das doch wohl nicht die Schuld von Herrn Kronberg!“, entgegnete er und kippelte mit seinem Stuhl. Die Arme hatte er vor der Brust verschränkt. Ungläubig starrte Johanna ihren Bruder an und wollte gerade etwas erwidern, als Herr Dräger mit den anderen Lehrern die Aula betrat. 

,,Guten Tag! Dann wollen wir Mal anfangen.“, sagte Herr Dräger und setzte sich vor die anwesenden Schüler. Ich richtete mich kerzengerade auf und ging im Kopf meine Ideen für das Weihnachtsevent durch. Sophie begrüßte die Lehrer und erzählte etwas über die Pläne für Weihnachten und was sie sich darunter vorstellten. Dann, als sie fertig war, nickte, Sophie mir zu und ich atmete einmal tief durch. ,,Also, ich habe mir gedacht, dass wir einen Weihnachtsmarkt veranstalten könnten. Wir würden somit die Schulkasse auffüllen und neue Möglichkeiten offenlegen. Es würde an einem Samstag sein, jede Klasse hätte einen Stand und wir würden Attraktionen wie Riesenradfahren und Eislaufen anbieten.“ Die Lehrer hatten mir aufmerksam zugehört und sich nebenbei darüber Notizen gemacht. Nun hob Herr Dräger den Kopf und schaute mich an. „Das ist eine hervorragende Idee, doch wie stellst du dir das mit den Attraktionen vor?“, fragte er und seine Kollegen nickten zustimmend. Mir wurde vor Nervosität ganz heiß, doch ich blieb ruhig und entgegnete: „Ich habe mich schon informiert und ein paar Anrufe getätigt. Zwei Unternehmen würden uns ein Riesenrad und eine Eisbahn zur Verfügung stellen, die anderen Attraktionen, wie einen Schießstand oder Dosenwerfen sollten einfacher zu organisieren sein.“ Der Schulleiter beriet sich kurz mit den anderen Lehrern, dann wandte er sich an die Schüler. „Ich finde den Vorschlag von Katy sehr kreativ und gut durchdacht. Und da ihr euch schon so gut um die Organisation gekümmert habt, würde ich euch bitten, dies weiterzuführen. Bei Fragen und wenn ihr Hilfe benötigt, stehen wir euch jeder Zeit zu Verfügung. Habt ihr sonst noch Anmerkungen oder Fragen? Wenn nicht, dann beende ich hiermit die Sitzung und wünsche euch ein schönes Wochenende.“ Als die Schüler mit dem Kopf schüttelten, erhob sich Herr Dräger und verließ mit den restlichen Lehrern den Saal. 

„Du hast es wirklich super vorgestellt, Katy! Besser hätte ich es nicht machen können.“ Sophie lächelte mich fröhlich an und ignorierte Jakob, der die Augen verdrehte. Johanna bemerkte das und verpasste ihm ein Tritt gegen das Schienbein. „Aua! Was habe ich denn jetzt schon wieder getan?“, rief er empört und strich mit schmerzverzerrtem Gesicht über sein rechtes Bein. Ich musste schmunzeln und verabschiedete mich von den dreien. „Bis Montag!“ Sophie und Johanna erwiderten den Gruß, nur Jakob nuschelte etwas Unverständliches vor sich hin.

Der Flur war inzwischen menschenleer. Die restlichen Schüler hatten sich entweder auf den Schulhof begeben oder waren in die Klassenräume gegangen, um sich für die siebente und achte Stunde vorzubereiten. Ich ging zu meinem Fahrrad und wartete auf meine Freundin Bea, damit wir zusammen nach Hause fahren konnten. Einen Augenblick stand ich einfach nur da und genoss die klare Luft, während ich die Umgebung um mich herum wahrnahm. Als ich Schritte hörte, öffnete ich die Augen wieder und erblickte ein Mädchen mit kurzen, welligen Haaren und einem dicken Weihnachtspullover. 

„Na, wie war die Stunde mit Herrn Fischer?“, fragte ich und musste über Beas Schmollen kurz lächeln. „Herr Fischer war heute so was von doof! Er hat mich die ganze Zeit drangenommen, obwohl ich mich nicht gemeldet habe. Und die Aufgaben, welche er uns gegeben hat, waren auch total unnötig. Hoffentlich haben wir nächstes Jahr Englisch mit Herrn Schulz, der erklärt auch viel besser und der Unterricht macht bei ihm auch viel mehr Spaß.“ Sie strich sich eine hellblonde Haarsträhne hinters Ohr und schloss ihr Fahrrad ab. „Was nimmst du heute zu Victor mit?“, fragte ich Bea und stieg auf mein Fahrrad. 

Langsam fuhren wir Richtung Stadtrandsiedlung. „Hmm … Ich weiß noch nicht so genau, wahrscheinlich Chips oder so. Und du?“ Wir fuhren an einer Kreuzung vorbei und bogen dann rechts zur Baumallee ein. Nachdenklich kniff ich die Augen zusammen und biss mir auf die Unterlippe. „Ich glaube, ich bringe Getränke mit.“, antwortete ich und schaute meine Freundin an. „Was meinst du, werden die Jungs diesmal gucken wollen?“ „Wahrscheinlich irgendeine Komödie oder so. Mir ist das eigentlich relativ egal, solange wir keinen Horrorfilm gucken.“ Beas Stimme triefte vor Verachtung und ich musste kichern. Sie hasste Horrorfilme über alles und würde nur über ihre Leiche einen Film, der mit Horror zu tun hatte, anschauen. „Wie war es gestern eigentlich mit Aaron?“, fragte ich und schien damit voll ins Schwarze getroffen zu haben, denn Bea lief vor Scham ganz rot an. „Ähh … es war … toll. Wir waren in der Stadt unterwegs und am Abend waren wir bei ihm zu Hause.“ „Aaron und du seid so ein harmonisches Paar, schön, dass es mit euch klappt.“ Bea lächelte sie dankbar an. „Und wie läuft es mit Vic?“ Meine Freundin zog provokant die Augenbrauen hoch und ich mied ihren Blick. „Ihr geht so vertraut miteinander um, da muss doch zwischen euch etwas sein.“ Ich zuckte mit den Schultern und hatte meinen Blick starr nach vorne gerichtet. „Wir kennen uns nur lange und sind gute Freunde. Wenn etwas ist, können wir uns immer auf den anderen verlassen. Mehr ist da nicht.“ Doch Bea nahm mir das nicht ab und ich war ehrlich gesagt, auch nicht ganz überzeugt. Victor war ein guter Freund, den sie auf keinen Fall verlieren wollte. Hatten sie wirklich Gefühle füreinander? Und wenn ja würde diese Beziehung ihre Freundschaft und ihr so vertrautes Verhältnis zueinander zerstören? Ich dachte noch einmal über unser Aufeinandertreffen in der Schule nach und rief mir den Blick, welchen Victor mir zugeworfen hatte, in Erinnerung. Nein, da war nichts zwischen mir und Vic. Ganz sicher nicht. Ich schüttelte den Kopf und verwarf diesen absurden Gedanken.

Beim Rosenweg angekommen, hielten wir vor dem Haus Nummer dreizehn an und ich stieg von meinem Fahrrad ab. „Wir sehen uns dann siebzehn Uhr bei Victor!“, rief Bea und fuhr die Straße entlang weiter.

Ich schob mein Fahrrad durch unser Tor und stellte es in den Schuppen. Dann ging ich die zwei Stufen zu unserem gelben Haus hinauf und öffnete die Tür. Warmer Geruch von Plätzchen und Kuchen erfüllte die Luft und ich vernahm Geräusche in der Küche. Anscheinend hatte meine Mutter früher Schluss gehabt und sich dazu entschlossen, ein bisschen Weihnachtsstimmung ins Haus zu bringen. Ich ging zu der Treppe, murmelte ein leises „Hallo“ und schloss oben meine Zimmertür. Seufzend stellte ich den Rucksack neben meinem Schreibtisch ab und nahm mir meine graue Jeans und den grünen Weihnachtspullover aus dem Schrank. Dann, als ich mich umgezogen hatte, ging ich in die Küche und aß erst mal etwas. Meine Mutter packte mir Getränke und Gebäck in eine Tasche und stellte diese in den Flur. Ich zog meine Jacke an und nahm die Schlüssel von der Anrichte. Doch Pablo, unser Nova Scotia Retriever, stellte sich vor mich und sah mich aus seinen braunen Augen an. „Tut mir leid Pablo, heute wirst du mit Mama nach draußen gehen.“, sagte ich und kraulte sein kastanienbraunes Fell. Dann nahm ich die Tasche mit den Getränken und dem Gebäck und holte das Fahrrad aus dem Schuppen. 

Ich brauchte etwa zwanzig Minuten bis ich in der Birkenweg angekommen war und ich stieg außer Atem vom Fahrrad ab. Das Mehrfamilienhaus war, wie immer zur Weihnachtszeit, wunderschön geschmückt, die Fenster leuchteten im Schein des Weihnachtsschmucks und erhellten auch den Weg vor dem Haus. Ich stellte mein Fahrrad zu den anderen und erkannte auch darunter Aarons und Robins Fahrräder. „Huhu!“ Ich drehte mich um und sah Marie näherkommen. „Hey!“ Wir umarmten uns und gingen dann beide nach oben. 

„Wie lief der Test in Mathe?“, fragte ich. Marie schaute mich aus ihren blaugrauen Augen ängstlich an. „Ich sag dir, ich werde so was von eine sechs kriegen.“ Niedergeschlagen seufzte sie und ich strich ihr beruhigend über den Arm. „Das wird schon. Wenn du willst, kann ich meinen Nachhilfelehrer fragen, ob er dir auch ein paar Stunden bei Mathe helfen kann. Dann bin ich nicht mehr so alleine.“ Maries Miene hellte sich sofort auf und sie schaute mich dankbar an. „Na dann wollen wir mal in die gute Stube.“, sagte ich und betrat Victors Wohnung. 

Die Jungs hatten es sich schon auf dem Sofa bequem gemacht, als wir herein kamen. „Da seid ihr ja! Wo ist Bea?“, fragte Aaron und blickte in den Flur hinter uns. „Sie sollte auch gleich kommen.“, antwortete Marie und setzte sich auf den Sessel. Etwas unsicher nahm ich neben Victor Platz, welcher mich freundlich anschaute. „Und hast du die Lehrer mit deinem Vorschlag überzeugt?“, fragte er leise und pustete eine braune Haarsträhne aus seinem Gesicht. „Sie fanden es klasse und haben uns die weitere Organisation überlassen. Ich werde in den nächsten Tagen einen Termin mit den Unternehmen ausmachen, wann der Weihnachtsmarkt stattfinden soll.“, flüsterte ich zurück und spürte wie mir bei der Erinnerung, an Herrn Drägers Lob, ganze warm vor Aufregung wurde. Victors Gesichtszüge wurden weich und er sagte: „Ich habe es dir doch gesagt. Hab ruhig mehr Vertrauen in deine Fähigkeiten.“ 

„Hallo Leute! Wartet ihr etwa nur noch auf mich?“ Bea kam ins Wohnzimmer und blickte die Freunde schuldbewusst an. Doch ihre Miene hellte sich schnell wieder auf und sie klatschte in die Hände. „Na dann lasst uns endlich anfangen, ehe wir noch mehr Zeit verplempern!“, sagte sie und quetschte sich neben Aaron und Robin. Victor und ich mussten schmunzeln. Als sich alle gesetzt hatten, packte ich die Getränke und das Gebäck aus und verteilte sie an meine Freunden. „Der Kuchen von der deiner Mutter schmeckt mal wieder bombastisch, Kat!“, nuschelte Aaron mit vollem Mund. „Ich werde es ihr ausrichten. Was wollen wir heute eigentlich gucken?“, fragte ich die anderen und zog meine Beine näher an mich heran. „Oh! Ich weiß was!“, rief Robin begeistert, wurde jedoch von Bea unterbrochen. „Wenn das wieder einer deiner dämlichen Filme ist, kannst du dir das gleich abschminken!“ Empört schaute Robin meine redegewandte Freundin an. „Der ist nicht dämlich!“ Und so ging das die ganze Zeit weiter, bis Marie einen Vorschlag machte. „Wie wäre es, wenn wir den neuen The Kissing Booth Film schauen, der soll wohl richtig cool sein.“ Robin und Bea hielten inne und alle schauten Marie an. Ich konnte ihr ansehen, dass sie sich gerade richtig unwohl in ihrer Haut fühlte, doch bevor ich etwas sagen konnte, unterbrach Victor die unangenehme Stille. „Also ich finde den Vorschlag super. Ist Mal etwas anderes.“, sagte er und schaute Marie freundlich an. Aaron sprang auf und nahm sich die Fernbedienung. „Dann also The Kissing Booth.“ Alle nickten zustimmend, wenn es auch bei Robin etwas widerwillig aussah. Und so kuschelten wir uns alle zusammen, aßen Popcorn, Chips und Kuchen und genossen die Zeit. 

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