Adventsgeschichte, Kapitel 6

Schwarze Weihnachten
geschrieben vom Wahlpflichtkurs Weltenschreiber“
Mit Illustrationen von Charlotte

Illustration von Charlotte

Victor


Nikolaustag, der Tag, an dem wir den heiligen Nikolaus von Myra ehren, der zu seiner Lebzeit viele Wunder bewirkt haben soll. Oder für mich: Der Tag, an dem im sauberen Stiefel plötzlich Schokolade und ein 5-Euro-Schein liegt.

Mein Morgen verlief bisher holprig, aber das scheint mittlerweile normal zu sein. Dreimal über den Kleiderstapel gestolpert und dann irgendwie in der Küche gelandet, um ein Stück vom gewohnten Frühstückstoast zu erhaschen. Schließlich noch die Mappe gepackt und gehofft, dass dieser Tag nicht damit endet, dass ich auf dem Schulweg über Eis stolpere und möglicherweise im Krankenhaus lande (das wäre das dritte Mal).

Das Schönste war aber der Anblick des Stiefels, welcher so glatt geputzt war, dass er beinahe glänzte. In ihm befand sich der besagte 5-Euro-Schein, eine Karte, verziert mit goldroter Schleife, und ein Jahresvorrat an Schokolade. Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken, wenn ich auch nur darüber nachdachte, diese Süßigkeiten in den Mund zu nehmen. Die gestrige Wette lief jetzt nicht sonderlich gut für
mich. Als das halbe Glas im Magen war, wollte es auch direkt wieder raus. Ich werde die Mischung aus allen möglichen Schokoladen, Gummis und Keksen niemals wieder vergessen …

Mein Blick fiel wieder auf die Karte und ein leichtes Lächeln erschien auf meinen Lippen. Ich öffnete ihn vorsichtig und las die darin enthaltene Nachricht.

Hey Vic,

da ich dieses Jahr den ganzen Tag arbeiten muss und während du das liest vermutlich halbtot im Bett ein wenig Schlaf nachhole, habe ich mir überlegt, dass wir unsere kleine Tradition dennoch fortführen. Du gehst heute mit deinen Freunden zu der Bowlinghalle von Tedd. Er weiß Bescheid, alles ist reserviert und von mir bezahlt.

Viel Spaß, wir sehen uns heute Abend ~Dein Lieblingspapa

P.S.: Iss nicht all die Schokolade alleine!

Ich musste ein wenig schmunzeln. Ein überraschendes Geschenk, welches dazu noch extrem kurzfristig war! Mit dem Mindset eines Profiradrennfahrers, doch mit der Ausdauer einer Couchpotato fuhr ich zur Schule. Mein Blick war ständig auf die Uhr gerichtet, die mir lieblich versichern wollte, dass mir noch 45 Minuten blieben. Mir sagte sie aber nicht, dass sie wie immer 36 Minuten nachging.

Nach Atem ringend kam ich tatsächlich pünktlich am gewohnten Treffpunkt an und zu meiner Verwunderung war ich nicht der Letzte. Gerade als ich Katy zur Begrüßung umarmte und mit dem lang antrainierten Handschlag zwischen mir und Robin zum Ende kam, erschien Bea endlich.
„Wurde auch mal langsam Zeit“, kam es neckend von Marie.
„Tut mir leid, mein Wecker hat nicht geklingelt!“ rechtfertigte sich Bea, doch bekam direkt von Katy die Erwiderung: „Du meinst alle von deinen drei Weckern haben nicht geklingelt?“

Kurz herrschte Stille, ehe Bea seufzend erklärte, dass es nicht an den Weckern gelegen habe, sondern an ihrem nicht vorhandenen Willen aufzustehen. Völlig verständlich. Ich brauche mindestens vier Wecker, um auch nur darüber nachzudenken, aufzustehen.

Als wir uns im Schulgebäude trennten, um zu unserem jeweiligen Unterricht zu gehen, schenkte ich Bea ein kleines Lächeln. Sie schien in letzter Zeit verändert, ich hoffte wirklich, dass alles in Ordnung ist.

Die Deutschstunde war vermutlich die langweiligste seit langem. Dabei liegt mir dieses Fach besonders gut. Das Verfassen von Texten als auch die Interpretation alter Werke. Manchmal dachte ich darüber nach, ob irgendwann auch mal meine Gedichte in so einer futuristischen Schule interpretiert werden würden. Was wohl andere von dem denken, was ich schreibe? Und denken sie sich dann auch Dinge, die doch gar nicht so gemeint waren?

„Was wolltest du mit uns besprechen?“, riss mich Katy aus meinen Gedanken. Wir haben uns gemeinsam im Aufenthaltsraum getroffen und auf mir lagen viele neugierige Augen. Ich war sehr gespannt darauf, ob sich auch nur einer bereit erklären würde, so kurzfristig meiner Familientradition nachzugehen. Ich richtete schnell meine Brille und räusperte mich, um schließlich meine Rede zu halten.

„Im Familienhaus Nilay ist es seit Langem Tradition, Bowlen zu gehen. Nicht in irgendeiner Bowlinghalle, sondern in der von Tedd. Hach ja, er ist schon fast ein Teil dieser Familie …“ Mein Blick lag kurz verträumt in der Luft, ehe ich weiter sprach: „Mein Vater hat dieses Jahr keine Zeit mit mir hinzugehen, weshalb er möchte, dass ich mit euch hingehe.“
„Ja klar“ kam es in einem selbstverständlichen Ton von Aaron, darauf folgten auch die anderen. Es glich wirklich einem Nikolaus-Wunder, dass jeder heute Zeit fand.

Vor Erleichterung seufzend sank ich tiefer in meinen Stuhl. „Gott sei Dank, mein Vater hatte bereits alles reserviert! Theoretisch hättet ihr keine Wahl gehabt.“ Robin schmunzelte und öffnete den Mund, um etwas zu sagen, als er von einer mir unbekannten Stimme unterbrochen wurde.

Alle Blicke richteten sich auf ein Mädchen mit braunen Haaren und lila Strähnen. „Hey, es tut mir leid, dass ich euch störe. Ich heiße Livia und bin neu auf dieser Schule.“ erklärte sie sich. Auch ich habe bereits von ihr gehört. Besonders von ganz wilden Theorien wie „Freundesgruppen-Zerstörerin“ bis hin zur „Reptiloiden Hexe“.

„Dürfte ich vielleicht zum Bowlen mitkommen?“, fragte sie schüchtern und wir wechselten alle Blicke untereinander. Unsicher darüber, ob es eine gute Idee sei, andererseits muss man auch mal Veränderung zulassen.

„Ich hätte nichts dagegen“, sagte ich freundlich lächelnd. „Ich auch nicht“ stieg Katy mit ein. Darauf folgten weitere zustimmende Antworten oder bloß Schulterzucker, die wohl für ein mir egal standen.

„Dann treffen wir uns um Punkt 17 Uhr an der verlassenen Bushaltestelle in der Nähe des Kinos. Dort gegenüber ist Tedds Bowlinghalle.“

Zusammen betraten wir alle die Bowlinghalle. Halle schien für mich ein falsches Wort zu sein, denn sie war echt winzig. Es gab zwei Bahnen, eine kleine Bar und eine Toilette. Für diesen und alle weiteren Abende dennoch völlig ausreichend.
Im kleinen Flur begegneten wir Tedd, der mit ausgebreiteten Armen auf mich zustürmte und mich viel zu fest umarmte. „Hey Vicky! So lang nicht mehr gesehen“, begrüßte er mich euphorisch, worauf ich nur peinlich berührt errötete.
Die Blicke der anderen, bei der Erwähnung meines super tollen Spitznamen, machten die Situation echt nicht besser.

„Und das sind wohl deine Freunde. Beate, Kathy, Maria, Arson, Ron und … wer ist das?“, fragte er nach.

Doch es schien, als wären all die anderen gerade zu überfordert mit der Tatsache, dass er keinen einzigen Namen richtig ausgesprochen hatte.

Ich hörte ein leises Flüstern von Marie: „Wie hat er das hinbekommen?“ Robin zuckte ahnungslos mit seinen Schultern. Trotz dieser Tatsache schien ihn niemand korrigieren zu wollen. „Das ist Livia, sie ist neu an unserer Schule“, übernahm ich nun die Vorstellung. Tedd reichte
ihr lächelnd die Hand, „Freut mich dich kennenzulernen, Olivia. Du kannst mich Tedd nennen.“

Livia lächelte bloß verwirrt und murmelte: „Freut mich ebenfalls … Tedd.“ „Aber gut, genug mit dem ganzen unnützen Geschwätz, wir sind zum Bowlen hier!“, teilte er zu motiviert mit und führte uns zu den Bahnen.

Nach einer kleinen Einführung in die selbstverständlichen Regeln von Bowling, teilten wir uns in zwei Gruppen. Die Gruppe eins bestand aus mir, Katy, Bea und Livia.

Die Gruppezwei aus Aaron, Robin und Marie. Trotz der Rivalitäten zwischen den Gruppen, wer wohl heute Nacht als Sieger diese Halle verlassen würde, wurde auch viel gelacht. Selbst Livia schien sich nach kurzer Zeit in dieser Gruppe wohler zu fühlen und wer weiß, vielleicht würde sie öfters eingeladen werden. Obwohl mein Team heute verlor und mein Vater nicht kommen konnte, war dieser Abend
schön. Wunderschön und fast perfekt.

Glücklich schrieb ich zum Abschluss des Tages kleine Verse in mein Notizbuch, um mich an diesen Tag zu erinnern. Manchmal muss man Veränderung zulassen, um zu neuem Glück zu finden. Man muss sich nur darauf einlassen und die Zweifel verschwinden.

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